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Wenn Senioren reif für die Uni sind

Als Rentner finden viele endlich die Zeit und Muße, ihren lange gehegten Wunsch zu verwirklichen: ein Studium an der Universität


Lernen auf der Campuswiese: Zu alt für ein Studium ist man nie

Die Zahl gleich vorneweg: 58.000 Rentner waren im Wintersemester 2010/2011 an deutschen Hochschulen und Universitäten eingeschrieben – so viele wie nie zuvor. Bereits seit Jahren erfreut sich das Seniorenstudium stetig wachsender Beliebtheit, wie der Akademische Verein der Senioren in Deutschland (AVDS) in einer aktuellen Erhebung bestätigt. Demnach erhöhte sich die Zahl der „älteren Semester“ seit Ende der 90er-Jahre um rund 70 Prozent. Tendenz: weiter steigend, denn in einigen Jahren gehen auch in Deutschland nach und nach die „Baby Boomer“, also bei uns die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1964, in den Ruhestand. Der „Silver Tsunami“, wie amerikanische Demographie-Forscher diese Welle nennen, dürfte auch in die deutsche akademische Bildung schwappen.

Was treibt ältere Menschen an, erneut die Schulbank zu drücken, auf harten Klappsitzen einer Vorlesung zu folgen, womöglich ein Referat zu übernehmen? Überhaupt: sich der Mühsal des Lernens auszusetzen? Nur die wenigsten Senioren wollen es noch einmal richtig wissen und bewerben sich für ein Vollstudium mit akademischem Abschluss. Vereinzelt wird sogar eine Promotion nachgelegt, für die in jungen Jahren nicht mehr ausreichend Energie, Zeit oder Geld vorhanden war. Ein Münchner Rentner etwa erwarb mit 85 Jahren an der Fern-Universität Hagen seinen Doktortitel und realisierte damit im zweiten Anlauf sein Vorhaben, das er 57 Jahre vorher abgebrochen hatte. Berufliche Orientierung, Geld verdienen, Familie gründen – für den Doktortitel sei einfach keine Zeit mehr gewesen, sagte der stolze Dr. phil. Sein Doktorvater, 20 Jahre jünger als der Doktorand, lobte dessen Elan und Durchhaltevermögen.


Roland Westermann studiert an der Universität Hamburg im „Kontaktstudium für ältere Erwachsene“. Der 65jährige ist Gasthörer und besucht seit zwei Semestern bevorzugt Lehrveranstaltungen im Bereich Geowissenschaften. Vor 40 Jahren hat er schon einmal in Hamburg studiert: Höheres Lehramt mit den Fächern Betriebswirtschaftslehre, Sport, Pädagogik. Nun, nach dem Abschied von seinem Beruf als Wissenschaftsredakteur, lernt er aus reiner Leidenschaft: Geologie rauf und runter, dazu Evolutionsbiologie und hin und wieder jüngere Geschichte. „Ich picke mir aus dem Vorlesungsverzeichnis das heraus, was mich wirklich interessiert“, sagt er. Damit kommt er schnell auf 16 bis 18 Stunden Lehrveranstaltungen pro Woche.

Es ist ein unbeschwertes Lernen ganz nach Neigung, frei von Prüfungsdruck und unabhängig von der Frage „Was kann ich damit beruflich anfangen?“ Das Gros der Senioren schreibt sich, wie Roland Westermann, als Gasthörer ein. Im Durchschnitt sind sie zwischen 65 und 75 Jahre alt. Manchen war es aufgrund der Lebensumstände in jüngeren Jahren nicht möglich zu studieren, sie holen dies nun nach. Viele haben schon einmal studiert, interessieren sich aber im Alter für ganz andere Themen und wollen ihr Wissen vertiefen. Das spiegelt sich in der Wahl der Fächer wider, wie Thomas Bertram, zuständig für das Gasthörer- und Seniorenstudium an der Universität Hannover, bestätigt. Das Fach Geschichte sei der Spitzenreiter, gefolgt von Philosophie, Germanistik, Politik und Religionswissenschaft. „Mit dem Alter drängen sich Sinnfragen in den Vordergrund. Die Geisteswissenschaften ermuntern dazu, diese Fragen zu stellen“, so Bertram.


Drücken Sie gerade nochmal die Hörsaal-Bank?

Professor Günther Böhme, Mitbegründer und Vorsitzender der Universität des 3. Lebensalters, die der Frankfurter Universität angeschlossen ist, unterscheidet wechselnde Bildungsbedürfnisse, abhängig von der Altersphase: Die jungen Alten wollen, so Böhme, nach der beruflichen und familiären Phase weiterhin im gesellschaftlichen Leben aktiv bleiben. Sie lieben das anregende Umfeld der Universität, den Gedankenaustausch, die bewegenden Themen. In höherem Alter komme das Bedürfnis hinzu, die eigene Lebensgeschichte historisch einzuordnen. „Und schließlich treten, im wachsenden Bewusstsein des nahenden Endes, Fragen zum Jenseits, zur Transzendenz in den Vordergrund“, sagt Böhme. Um das dritte Lebensalter gut zu bewältigen, sei es notwendig, sich neuen Herausforderungen zu stellen – und das eigene Können auf die Probe zu stellen. „Ein persönlich gestaltetes Studium ist ein guter Weg, um im Alter seine geistige Mobilität zu erhalten oder sogar zu steigern.“ In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Begriff „Langzeitstudent“ – im allgemeinen Sprachgebrauch eher negativ eingefärbt und mit recht verhaltenem Studieneifer assoziiert – eine neue Bedeutung. In Hannover etwa ist der älteste Gasthörer seit 50 Semestern dabei. In vielen Seminaren sind die älteren Herrschaften für die jungen Studenten begehrte Zeitzeugen.

Überhaupt gebe es keine Probleme im Zusammenspiel von Jung und Alt, sagt Roland Westermann. Auch wenn in der Vergangenheit die eine oder andere Schlagzeile nahelegte, dass die Alten den Jungen in den deutschen Hörsälen die Sitzplätze wegschnappen. „Wir besuchen doch nur Veranstaltungen, die nicht ausgebucht sind“, so Westermann. Die Dozenten dürften ohnehin keinen Grund zur Klage haben. „Wir Senioren sind pünktlich, lassen kaum eine Vorlesung aus, essen und reden nicht während der Veranstaltung.“

Universitäten und Hochschulen reagieren ganz unterschiedlich auf den Bildungshunger der Senioren-Studenten. In München beispielsweise ist die Hochschulreife beziehungsweise das Abitur Voraussetzung für die Zulassung als Gasthörer. In Hamburg wird dies nicht gefordert. Manche Universitäten, darunter Frankfurt, bieten ein gesondertes Vorlesungsverzeichnis für die älteren Semester an. In Hamburg, wo ein Semester Gasthören 110 Euro kostet, kann man, nach Rücksprache mit dem Dozenten, auch an „normalen“ Lehrveranstaltungen teilnehmen. Einen guten Überblick liefert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere (BAG WiWA) mit ihrem Online-Auftritt.


Für Roland Westermann ist das Studium manchmal wie eine Reise in die Vergangenheit. Als er unlängst die Vorlesungsreihe „Biologische Grundlagen psychischer Erkrankungen“ besuchte, fand er sich im Hörsaal M des Uni-Hauptgebäudes wieder. Genau dort hatte er im Jahr 1968 Bürgerliches Recht gepaukt. Die Wände, der Geruch, das Gestühl – alles wie früher. Mit einem Unterschied: „Das jetzige Thema interessiert mich wesentlich mehr.“



Ingrid Kupczik / www.senioren-ratgeber.de; 25.02.2011, aktualisiert am 03.03.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera

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